Folgendes Interview mit mir wurde im Juni 2005 in der Zeitschrift "wegbereiter" veröffentlicht: http://www.wegbereiter-online.de
1. Sie sind als Pastoralreferent im Dienst der Diözese Augsburg. Was waren Ihre beruflichen Stationen?
Ich begann meinen Dienst im Bistum Augsburg 1992 als Bildungsreferent im Jugendhaus Elias in Seifreidsberg/ Allgäu. Nach sieben intensiven Jahren Jugendarbeit dort begannen immer mehr Jugendliche, mich plötzlich hartnäckig zu "siezen" und da dachte ich: jetzt wird es Zeit für einen Wechsel. Nach einem aufreibenden Jahr als Pastoralreferent in zwei Haftanstalten und in einer Gemeinde in der Nähe von Ulm, kam für mich 2000 die Gelegenheit, eine "Auszeit" zu nehmen: ich ging in Elternzeit. Das war eine gute und enorm praktische Vorübung für meine jetztige Aufgabe in der Ehe- und Familienseelsorge: seit 2003 bin ich als regionaler Referent in der Ehe- und Familienseelsorge in Nordschwaben tätig und wohne nun mit meiner Familie in Donauwörth.
2. Von Anfang an haben Sie die Entwicklung des Internet intensiv verfolgt. Woher kam dieses Interesse?
Nach dem Ende meines Theologie-Studiums 1987 fand ich längere Zeit als Theologe keine Stelle. 1990 konnte ich an einer Weiterbildung des Arbeitsamtes teilnehmen und so eine zusätzliche Ausbildung zum EDV-Kaufmann machen. Das war die Zeit meiner ersten Beschäftigung mit dem Computer. Vorher hatte ich keine Ahnung, dass mir so ein neumodisches Ding überhaupt Spaß machen könnte. Mit meinem ersten eigenen PC schaffte ich mir 1991 auch ein Modem an mit einer damals schon ganz ordentlichen Geschwindigkeit von 2400 Baud. Mit dem loggte ich mich dann in diverse private Mailboxen ein. Das war nicht nur spannend, sondern auch noch ziemlich teuer. Ins Internet bin ich zum erstenmal 1993 rein, da gab es meist nur graue Seiten mit verlinktem Hypertext. Die Information war damals eben das Wichtige, nicht so sehr der Look, die Gestaltung. Außerdem hätten heute übliche Techniken, Webseiten zu gestalten, wie Java oder Flash ja damals die durchweg langsamen Verbindungen quasi gesprengt. Ich fand die Möglichkeit sofort ungeheuer spannend, selbst Texte zu veröffentlichen und - zumindest theoretisch - einer Millionenleserschaft weltweit zugänglich machen zu können. Ich hatte dann auch gleich zu Beginn meiner ersten Schritte im Netz einige sehr interessante Kontakte nach Amerika und Australien, aber natürlich auch in Deutschland zu anderen Internetpionieren im kirchlichen Bereich.
3. Schon 1995 haben Sie die erste Homepage für das Jugendhaus Elias gebaut. Wo haben Sie sich das Know-how angeeignet?
Ja, ich glaube, ich war damals in der Diözese Augsburg einer der "early adopters" in der Internetnutzung: auf diözesanem Gebiet gab nur eine einfache Homepage der Erzabtei St. Ottilien. Von Einrichtungen der Diözese gab es noch keine Internetseiten, da war die Seite des Jugendhauses die erste. Ich hatte damals einen Compuserve-Zugang ins Internet, und es gab einfache Programme, wo ich Texte in ein Eingabefenster eingeben und eine Grafik dazuklicken konnte. Das fand ich auf Dauer ziemlich unbefriedigend, weil die Ergebnisse z.T. einfach ziemlich scheußlich waren. So habe ich mir damals ein Buch gekauft und damit richtig HTML (Hyper Text Markup Language) gelernt. HTML ist ja auch heute noch das Gerüst der meisten Internetseiten.
4. Heute ist jeder mit einer eigenen Homepage im Netz. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Ich finde es nicht zufällig, dass das Internet in den 90ern aufkam, als die Themen Globalisierung und das Paradigma der "Vernetzung" immer mehr gesellschaftlich an Bedeutung gewannen. Im Kern halte ich das Internet für ein sehr basisdemokratisches Medium: die private Seite von Lieschen Müller und die Seite des global agierenden Großkonzerns stehen quasi gleichberechtigt nebeneinander, sind nur einen Mausklick voneinander entfernt.Wenn ich aufmerksam durch private Homepages surfe, erfahre ich eine Menge über die Menschen, die sich teilweise auf diesen Seiten in einer großen Offenheit vorstellen und von sich reden. Ich erfahre bei vielen auch explizit etwas über ihre religiöse Sehnsucht und persönliche Wirklichkeit. Von daher gibt mir das Internet eine zugleich sehr persönliche-intensive, aber auch distanziert wahrnehmbare Möglichkeit zur Begegnung. Ich glaube, darin liegt viel von dem Reiz, den das Netz gerade auf junge Leute, aber zunehmend auch auf Ältere ausübt.
5. Was macht einen guten Auftritt im Internet aus?
Ich denke, dass viele Seitenbetreiber den Fehler machen, ihre Seiten nicht mit - ich sage mal: Nicht-Fachleuten zu testen. Ich erlebe für meinen Geschmack einfach zu viel Technikverliebtheit und zu wenig Benutzerfreundlichkeit. Dabei wäre es so einfach: zwei oder drei "Seitentester" können mich schnell auf die Spur bringen, wo die Navigation der Seite undurchsichtig oder unlogisch ist, oder wie jemand mit einer relativ langsamen Modemverbindung auf eine Seite reagiert, die mit großen Grafiken oder Animationen gestaltet ist. Oder ich lasse durch die Tester feststellen, ob Informationen leicht oder vielleicht gar nicht zu finden sind.
Ein anderer wichtiger Punkt ist die Aktualität: nichts ist so out wie eine Seite, die im letzten Jahr das letzte mal aktualisiert wurde. Vermutlich unterschätzen viele gerade private Homepagebesitzer gerade diesen Punkt. Es gibt aber auch genug Seiten von Kirchengemeinden, wo ich unter "Aktuelles" den Gottesdienstplan von 2001 angeboten bekomme.
Noch ein letztes: das Stuchwort "Barrierefreiheit" wird für mich immer wichtiger. Eine Seite, die zwar toll aussieht, aber z.B. Sehbehinderte ausschließt, weil die Schrift zu klein gestaltet ist oder nur Grafiken zur Navigation benutzt werden, ist megaout. Hier haben vor allem die Webseiten der Kirchen besondere Verantwortung und auch noch deutlich Nachholbedarf.
6. Drei Gründe, warum das Internet für die Kirche unverzichtbar ist?
Zuerst: Jesus war dort, wo sich die Leute in seiner Zeit auch aufhielten: auf "Straßen und Plätzen", an "Hecken und Zäunen". Dort auf der Straße, wo das Leben damals spielte, gab er seine frohe Botschaft weiter. Heute sind Millionen im Internet präsent und aktiv - also gehört seine Kirche auch aktiv dorthin.
Dann: Internet verändert die Kommunikation, verändert Gewohnheiten und verändert auch Sprache. Eine Kirche, die diese enormen Veränderungen nicht zur Kenntnis nimmt und nicht diese z.T. ganz neue Sprache versteht und selber spricht, versteht irgendwann einen großen Teil der Menschen nicht mehr und wird selbst nicht mehr verstanden.
Und: das Word Wide Web ist religiös gesehen ein enormer Tummelplatz für Weltanschauungen, Religionen und Propaganda aller Art. Gerade hier suchen viele nach Orientierung und Antwort auf Lebensfragen. Es wäre fatal, wenn die Kirche hier nicht präsent wäre und Suchenden ein Angebot zum Dialog und zur Orientierung machen würde.
7. Kann die Kirche auch ihre eigentliche Botschaft, das Evangelium, im Internet verbreiten?
Ja, auf jeden Fall. Hier reichen jedoch keine ins Netz gestellten Predigten oder Sammlungen von Bibelstellen aus. Vielmehr sollte die Kirche Angebote zum Dialog im Netz anbieten und sich nicht scheuen, auch mal kritische Anfragen aus dem Netz auszuhalten. Evangelium wird immer über Personen "transportiert", also sollten die Menschen mit ihrem Glauben und ihrem Zeugnis hinter solchen Dialog-Angeboten für Internetnutzer sichtbar und anfragbar sein. Das verlangt aber einen enormen Zeitaufwand, speziell ausgebildete Mitarbeiter und explizit auch dafür eingerichtete Stellen. Es gibt schon Schritte in die richtige Richtung unter dem Stichwort "Internetseelsorge". Allerdings reicht es meiner Meinung nach nicht aus, vollbeschäftigte Pfarrer oder pastorale Mitarbeiter "nebenbei" mal ein "bißchen Internetseelsorge" machen zu lassen. Hier müssten mehr Stellen her. Generell müsste die Kompetenz kirchlicher Mitarbeiter im Bereich Internet verstärkt gefördert werden. Einem kirchlichen Internetseelsorger, der nichts weiß z.B. über "Netiquette" (Kunstwort für "Benimmregeln" im Netz, speziell im Bereich Email und Newsgroups), wird im Netz niemand ernsthaft zuhören.
8. Welche Entwicklungen stehen uns in der nächsten Zeit bevor?
Interessant sind zur Zeit Entwicklungen im Bereich sogenannter "sozialer Software". Das sind Internetanwendungen, die speziell dafür ausgelegt sind, Menschen miteinander in Kontakt zu bringen. Solche Systeme wollen Aufbau und Pflege Sozialer Netzwerke und sogenannter "Communities" (Gemeinschaften) unterstützen und funktionieren weitgehend durch Selbstorganisation. Beispiele für solche Anwendungen sind die sogenannten Blogs (Webtagebücher) und die Wiki-Bewegung, deren prominentester Teil sicher das Projekt "Wikipedia" (http://de.wikipedia.org) ist: ein internationales Projekt zur Erstellung sich laufend fortschreibender Enzyklopädien in möglichst vielen Sprachen. Jedermann ist das Recht einräumt, die Inhalte unentgeltlich zu nutzen, zu verändern und zu verbreiten. Andere in diesem Sinn "freie" Software, wie z.B. Linux bei den Betriebssystemen oder OpenOffice bei der Bürosoftware, wird demnächst ein Thema auch für die Kirchen werden, einfach deswegen, weil sie bestechend gut ist!

