Arbeitsfreie Tage


Arbeitsfreie Tage haben etwas Verheißungsvolles. Besonders dann, wenn die Wettervorhersage orakelt, es seien häufige Regenschauer zu erwarten. Denn ein solcher Tag ist wie geschaffen dafür, endlich die lang aufgeschobenen Installations- und Wartungsarbeiten am eigenen Rechner durchzuführen.
Kalkuliert habe ich drei Stündchen am Vormittag. Die reichen jedoch genau aus, um den  Rechner, der morgens noch wunderbar lief, bis Mittag in völlige Agonie zu versetzen.

Jedenfalls verheißt jetzt dieses eindringliche und zornige Piepen beim Einschalten gar nichts Gutes.
Das Ding steht.
Ich spüre einen größer werdenden Klumpen im Magen.
"Wo hatte ich jetzt die Bootdiskette?"
Wer sucht, der findet. Ich schiebe sie ins Laufwerk. Aber erst als sich der Bildschirm hämisch mit wirren Zeichen füllt, begreife ich meinen Missgriff: "Ich hätte die Original-CD nehmen sollen..." - hab ich aber nicht. Sondern genau die Bootdiskette, die ich von einem meiner Freunde mit der Bemerkung zurückbekam: "Die ist irgendwie komisch. Könnte ein Virus drauf sein."
Es ist ein Virus. Parity-Boot-B. Uralt der Knabe, aber noch sehr agil. Und der sitzt jetzt auf meiner Festplatte. Und lacht sich ins Fäustchen.
"Jetzt nur nicht durchdrehen!", denke ich mir. Das Telefon läutet. Ich geh nicht ran.

Ich boote von CD. Das klappt. Ein schönes altes DOS-Prompt blinkt mich an. Wie war noch der Befehl, mit dem ich den Bootsektor wiederherstellen kann?
Meine Frau schaut herein und begreift schnell, dass ich der Rettung meines digitalen Universums den Vorrang vor einem Mittagessen einräumen muss.
"Wie lange, denkst du, dauert es noch?", fragt sie mich unverfänglich.
"Zwei Stunden sicher.", sage ich geistesabwesend.
Sie nickt wissend. Es werden zwölf.

Draußen regnet es nicht mehr und mir fällt ein, dass ich schon lange mit der Aufteilung der Festplatte unzufrieden war. Das Telefon klingelt. Egal.
Ich beschließe die Radikallösung, klemme mein Ziplaufwerk an den PC und sichere mit einem energischen "xcopy" meine persönlichen Daten auf zwei Zipdisks.
Erst als ich die Festplatte profimäßig in eine System- und eine Datenpartition eingeteilt und beide formatiert habe, fällt es mir ein: es sind weder mein Emailadressbuch, meine Internet-Bookmarks noch die Dokumentvorlagen meines Officepakets auf die Disks gesichert.
Wieviele Stunden Sammelarbeit und Experimentieren sind jetzt einfach so im binären Orkus verschwunden?
Schicksal nimm deinen Lauf. Ich beiße die Zähne zusammen. Jetzt nur nicht die Nerven verlieren.
Draußen scheint die warme Nachmittagssonne.
Ich höre unten meinen Sohn fragen: "Kommt Papa heute gar nicht runter?"
Das laute Ticken der Wanduhr stört mich plötzlich. Ich halte sie an. Es ist 15:42 Uhr.
Jetzt gehts aufs Ganze. Ich drücke auf Reset.

Die Windows-Installation klappt wider Erwarten ohne Zwischenfälle.
Eine dreiviertel Stunde später sitze ich vor einem flimmernden Bildschirm mit einem grünlichen Desktop im 16-Farben-Modus. Ich fühle mich schlecht, sehr schlecht sogar. Das ist immer der Tiefpunkt. Es gibt nichts Schlimmeres: Windows, lindgrüner Desktop, 60Hz Flimmern.
Das Telefon klingelt. Ich atme tief, da muss ich jetzt durch.

Ein Blick in den Hardwaremanager zeigt mir: mindestens zwei Komponenten meines PCs wurden nicht erkannt. Sechs andere wurden zwar erkannt, aber die Treiber wurden nicht richtig installiert.
Aktuelle Treiber gibts ja Gott sei Dank im Internet.
Leider funktioniert mein Zugang noch nicht.

Ich mache mich also zuerst daran, meine ISDN-Karte zum Leben zu erwecken. Das dauert...
Endlich surfe ich mit meinem 16-Farben-Flimmer-Modus im Internet. Ich klappere auf der Suche nach Treibern für Grafikkarte und Drucker die Suchmaschinen ab.
Es ist früher Abend. Alle surfen. Die Downloads stocken. Ich habe Kopfweh.

Die Familie sitzt unten beim Abendessen.
"Nein, keine Zeit!", sage ich vorbeugend, als fragende Blicke meinen Weg mit gefüllter Kaffekanne zurück nach oben verfolgen.
Das Telefon klingelt wieder. Meine Frau schaut herein.
"Jetzt nicht! Ich bin nicht da."
Ich bleibe hart und am Ball.

Gegen 21.00 Uhr läuft schließlich wieder ein halbwegs benutzbares System. Der Bildschirm flimmert nicht mehr, der Drucker druckt, gemächlich schaufelt das Zip-Laufwerk meine Dokumente zurück auf die Festplatte.
Langsam könnte alles gut werden.
Später seh ich, dass meine Dokumente jetzt alle eine Tilde im Dateinamen tragen. Und sie heißen jetzt "BRIEF~23.DOC" statt "Brief ans Finanzamt März 2001.doc".
Toll.
Es gibt keinen Kaffee mehr, ich bin todmüde.
Noch ein paar Versuche. Meine Konzentration bricht dramatisch ein.
Gut - ich höre auf. Das Problem mit den USB-Schnittstellen und dem Scanner verschiebe ich auf Morgen. Das Netzwerk kann ich auch in ein paar Tagen noch einstellen.

Unten ist es ruhig.
Meine Frau ist noch wach. Wir schweigen eine Weile.
Müde frage ich sie dann: "Weißt du eigentlich, was die größten Feinde des PC-Benutzers sind?"
"Nein, das weiß ich nicht.", sagt sie milde lächelnd.
"Ich sags dir: Sonnenlicht, Frischluft, das unerträgliche Gebrüll der Vögel und vor allem: er selber."

© 2002 Ulrich Berens 





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